Jarka Kubsova: Im Licht des neuen Tages. S. Fischer. 2026.

Ein wundervolles Buch

Eliska Hajek ist Schriftstellerin und steckt in einer Schaffenskrise. Sie zieht sich in eine Waldhütte zurück, um dort ungestört schreiben zu können. Auch die Konflikte mit ihrem Freund Jan tragen zu der Wntscheidung bei. In den abgeschiedenen böhmischen Wäldern erinnert sihh ch Eliska an Viktorla, einer Figur aus Bozena Nemcovas Märchen Babiska. Sie googelt den Namen und stellt fest, dass es Viktorla wirklich gegeben hat. Um mehr über die wahre Viktorka zu erfahren, fährt Eliska hals über Kopf in ihre Heimat Tschechien. Als sie noch ein Kind war, sind die Eltern mit ihr und ihrer Schwester über die Grenze nach Deutschland geflohen. Es ist eine verdrängte Vergangenheit. Zu gerne wollte Eliska ihre Wurzeln vergessen und eine 'richtige' Deutsche werden. Nun reist sie in den Ort, wo das Märchen Babiska spielt. Dort geht sie zunächst dem Leben der Autorin Nemcova auf den Grund. Über Viktorka konnte sie nichts als Gerüchte ausfindig machen. Wieder in der Hütte im Wald angekommen, gerät Eliska in eine Selbsterfahrungstrip, der sie alles über Viktorka lehrt. Zuvor muss sie sich jedoch ihrer eigenen Vergangenheit stellen. 
Es ist ein Roman über drei Frauenfiguren, die für ihre Rechte und ihre Freiheit kämpfen. Die Erzählebenen überlappen sich dabei, das Erzählte gleicht der Babuscka Puppe, die Eliska als Souvenir ersteht. Schale um Schale muss abgetragen werden, bis der Kern offenliegt. Erinnerungen, die Geschichte um Bozena Nemcova und die Wahrheit über Viktorka vermischen sich. Die Themen des Buches sind das Schreiben, die Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit, Ausgeschlossensein, Armut und Schmerz. 
Die Sprache selbst ist poetisch und klingt lange nach. 
Unbedingt zu empfehlen. 

 

 

Nina Mayen: Im Sommer der Wildbienen. Ullstein. 2026.

Sehr unterhaltsam

 

Die Ich-Erzählerin Flora lebt mit ihrer Familie in der Großstadt. Sie ist Autistin und zunehmend überfordert mit der Enge der Wohnung und den Reizen der Stadt. Schließlich erleidet sie in einem Kaufhaus einen Nervenzusammenbruch. Daraufhin trifft sie die Entscheidung, in das Haus ihrer Oma in der Eifel zu ziehen. Mit nichts als Natur um sie herum, nichts, was sie aus der Bahn werfen kann. Es kommt jedoch anders. Neue Menschen treten in ihr geplantes und geordnetes Leben und sie lässt sich trotz aller Schwierigkeiten auf sie ein. Sie vertieft sich in das Thema Wildbienen, das bald zu ihrem großen Honby wird. Ein verheißungsvoller Sommer, geprägt von Wildnienen und der Liebe zu einer Frau. Was so erzählt ganz harmonisch und konfliktlos klingt, ist für die Ich-Erzählerin Schwerstarbeit. Als Autistin kann sie eigentlich mit Menschen nicht gut umgehen. Sie lässt es dennoch zu und lernt dabei ihre Gefühle ganz neu kennen. Der Autorin gelingt es, die Gefühlswelt einer Autistin anschaulich zu schildern. Sie schaffte es, alle Symptome, die zu den Diagnosekriterien einer Autismuserkrankung gehören, in ihre Geschichte einzubauen. Dabei ist es keine simple Auzählung, sondern sie findet für alle bildreiche Beispiele. So werden Inselbegabung, soziale Schwierigkeiten und Monitonie des Alltags etc. beschrieben. 
Auch thematisiert wird ein krasser Gehensatz von Stadt- und Landleben und Generationenkonflikte.

Am Ende scheint sich alles zu fügen, dennoch bleibt es vage und offen. 
Eine schöne Sommerlektüre. 

 

 

Wiebke Lorenz: Voll im falschen Film. Pendragon 2026.

 

 

Voller Wortwitz

 

Die Schauspielerin und trockene Alkoholikerin Nora Stern findet sich, nachdem sie im Park niedergeschlagen wurde, eingesperrt in einem Kellerraum wieder. Dort ist ein reiches Buffet angerichtet, an Getränken gibt es jedoch nur Alkohol. So wird Nora aus der Not heraus rückfällig. Irgendwann wacht sie im Park wieder auf. Schnell wird ihr bewusst, dass dieser Rückfall ihre Karriere massiv gefährden kann. Zusammen mit David und ihrer Mentorin von den anonymen Alkoholikern versucht sie herauszufinden, wer hinter der Entführung steckt. 
voller Wortwitz, aber immer treffend, mit ungewöhnlichen Vergleichen und Metapher  zieht die Autorin den Leser in die Gedankenwelt einer Alkoholikerin. Es gelingt ihr, dies auf nüchterne Art zu tun, wie sie selber sagt, ohne Affekthascherei. Trotz der nüchternen Art schafft sie es, die Dramatik der Geschichte packend und spannend bis zur letzten Seite darzustellen. Sie erzeugt wie nebenbei Verständnis für das Thema Sucht und eine große Empathie für die Protagonistin. 
Der Titel des Fomans ist zweideutig, wie so vieles im Buch. Nora befindet sich zunächst im falschen Film, weil ihr all diese merkwürdigen Dinge passieren.  Außer dem ist sie auch voll - betrunken. Außerdem ist sie im falschen Film, weil das Drehbuch, an dem sie mitwirkt, nicht wie angenommen, für sie geschrieben ist. 
Es ist ein Vergnügen, dieses Buch zu lesen und jeder Suchtbetroffene wird sich unweigerlich darin wiederfinden. 

 

 

Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit. Hanser Verlag. 2025.

Mercier wie wir ihn kennen und lieben

 

Bei "Der Fluss der Zeit" handelt es sich um einen posthum erschienenen Band mit Kurzgeschichten. Wie immer in den Werken von Pascal Mercier geht es um die großen und Kleinen Momente, die dem Leben eine andere Richting geben. So verhält es sich auch bei diesem Band. Die Kurzgeschichten beinhalten alle die Themen Festhalten und Loslassen (das geliebte Elternhaus, die eigene Vergangenheit, die Angst). 
Damit werden auch philosophische Themen und Fragestellungen angesprochen, die für einen Menschen prägend sein können: Identität, Würde, Leben und Tod. 
Alle Kurzgeschichten vermögen es, den Leser in ihren Bann zu ziehen. Und alle laufen auf ein jeweils fulminantes Ende zu. Und der Leser steht staunend davor. Die Sprache ist poetisch, elegant, bedient sich dabei aber einfacher Wörter. Die behandelten Themen lassen einen nicht so schnell los, man kommt selbst ins Philosophieren und spinnt die Geschichten weiter. Es sind einfach keine Geschichten, die man mal nebenbei lesen kann, weil sie dem Leser einiges abverlangen. 

 

 

Thomas Melle: Haus zur Sonne. Kiepenheuer und Witsch 2025.

Zwischen Krankheit, Freiheit und Verantwortung 


Nach seinem autobiografischen Roman "Die Welt im Rücken" legt Thomas Melle nun einen neuen, halb-biografischen Text vor, der zurecht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Er schildert darin, was seit Verlffentlichung seines letzten Buches passiert ist. Er glaubte sich zu der gesundet, glaubte durch das Schreiben von "Die Welt im Rücken" seine bipolare Störung aufgearbeitet zu haben. Doch dann schlug sie erneut zu. Und heftiger als je zuvor. Er durchlebte eine zweijährige manische Phase, in der er alles verlor, Geld, soziale Beziehungen und sein Ansehen. Sogar straffällig wurde er. Dann stellten sich weitere zwei Jahre tiefster Depression ein. Er wurde förmlich aufgefressen von Schuld, Schamgefühlen und der Undähigkeit, irgendetwas zu tun. Ständig schwankte er hin und her zwischen Leben- und Sterbenwollen. Und nun kommt das Fiktive ins Spiel. Der Protagonist wird im Haus zur Sonne aufgenommen, einer Anstalt, die psychisch Erkrankte unter der Bedingung aufnimmt, dass sie am Ende ihres Aufenthaltes aus dem Leben scheiden. Dafür unterschreiben die Patienten bei Eintritt. In der Anstalt selbst werden die Patienten mit sogenannten Simulationen behandelt. Dabei werden ihnen selbst gewählte Wunschbilder vorgespielt, in denen sie selbst vorkommen. Wie es funktioniert, wird nicht erklärt. Getroffen wird sich morgens in der Therme.
Der Protagonist ist von Beginn an skeptisch, was die Behandlung anbelangt. Auch ist er der Meinung, die "Therapie" helfe ihm nicht. Dennoch unternimmt er keinen Versuch, die Anstalt zu verlassen, ja weiß  noch nicht einmal, ob dies überhaupt möglich ist. Je weiter es auf das Ende seines Aufenthaltes zum Haus der Sonne zugeht, desto mehr stellt Melle seine anfängliche Entschlossenheit, sterben zu wollen, in Frage. Er pendelt permanent zwischen den beiden Polen Leben und Tid hin und her. Ohne Zuviel verraten zu wollen, das Ende lässt wenigstens einen kleinen Hoffnungsschimmer zu. 
Melle schreibt in einem eingänglichen, gut lesbaren Stil, der zum Mitfiebern einlädt. Der Roman bietet aber noch viel mehr. So wirft er auch deutlich gesellschaftliche Fragen auf. Wird irgendwann eine Institution wie das Haus zur Sonne möglich sein, wo jetzt schon in der Schweiz assistierte Suizide praktiziert werden? Wo verläuft die Grenze zwischen Freiheit und Verantwortung?
Schade, dass Thomas Melle den deutschen Buchpreis nicht erhalten hat. Er wäre ein würdiger Sieger gewesen. 

Fiona Sironic: "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft". Nagel und Kimche 2025

 

Schwer verdauliche Dystopie

Ausgestorbene Vögel, brennende Wälder, künstliche Weinberge - Fiona Sironic entwirft in ihrem Roman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ eine düstere, schwer verdauliche Dystopie. Era, die ausgestorbene und ausgestopfte Vögel sammelt und die Vogelstimmen auf Tonband anhört, wie um ihrem Sterben etwas entgegenzusetzen, freundet sich mit Maja und deren Schwester Merle an. Deren Mütter sind Influencerinnen, was den beiden Mädchen so gar nicht passt. Alles und jedes aus dem Leben der beiden Mädchen wird gefilmt und als heimlicher Protest gehen sie Samstags in den Wald und sprengen Dinge in die Luft und filmen dabei. Era verliebt sich in Maja und lernt Zärtlichkeit kennen, während die Turteltauben aussterben. Das geht so lange gut, bis Era und ihre Mutter vor einem heftigen Waldbrand fliehen und ihr Haus verlassen müssen. Sie ziehen zu einer Tanze, die in einer alternativen Wohngemeinschaft in einem Gewächshaus wohnt. Die Handlung spitzt sich noch weiter zu, als eines der beiden Geschwister eine Aufzeichnung der Sprennungen an die Mütter weitergibt. Der Leser ahnt, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen kann.
Der Stil, in dem der Roman verfasst ist, ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Sironic schreibt in sehr kurzen Sätzen und wiederholt ständig den Titel des Buches. Wenn man sich aber hineingefunden hat, liest sich der Roman spannend und fesselnd. Er regt sehr zum Nachdenken über den Zustand unserer Welt und Umwelt an, über die Zukunft der Wälder, Tiere und der Menschheit.

 

 

 

Andreas Eschbach: Die Auferstehung. Kosmos 2025

Starkes Buch

In „Die Auferstehung“ von Andreas Eschbach werden Kindheits- und Jugenderinnerungen wach.
Jahrzehnte sind vergangen, seitdem die drei Fragezeichen ihre Abenteuer erlebten. Irgendwann ist das echte Leben dazwischengekommen und die drei Jugendfreunde haben sich getrennt. Mit über 50 Jahren bringt ein mysteriöser Fall sie plötzlich wieder zusammen. Das geschieht nicht sofort und nicht schnell, zu tief sind die Verletzungen und Wunden von damals. Es dauert 300 Seiten, bis die drei wieder ein Team sind. Der Titel bezieht sich auf eine weibliche Figur, die vor Jahren verloren im Jungle, plötzlich wieder auftaucht, wie von den Toten auferstanden. Der Titel lässt sich aber auch auf die drei Fragezeichen selbst beziehen, die nach so vielen Jahren wieder zusammenarbeiten.
Sprachlicher Stil und Aufbau der Geschichte passen zu den Abenteuern der drei Fragezeichen von damals, so dass man ganz darin eintauchen kann.

 

 

Marlene Streeruwitz: Auflösungen. S.Fischer. 2025.

Spannender Titel

Der Titel von Merlene Streeruwitz Roman „Auflösungen“ klingt durchaus spannend. Ich habe mich gefreut auf einen Text, der sich mit den aktuellen Entwicklungen in den USA auseinandersetzt. Dies mag auch so sein, leider bin ich soweit gar nicht gekommen. Streeruwitz‘ Sprache ist sperrig und abgehackt. Sehr kurze Sätze reihen sich aneinander, machen es schwer, dem Inhalt zu folgen. Hier ist alles in Auflösung, auch die Sprache. Nach einigen Versuchen habe ich aufgegeben und das Buch abgebrochen. Schade.

 

 

 

Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen. Roman Hansa 2025

 


Stilistisch anstrengend und schwer lesbar

Der Roman "Die Holländerinnen " von Dorothee Elmiger steht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2025. Mich hat er vor große Herausforderungen gestellt, ist er doch stilistisch schwer zu lesen, düster und auf den ersten Blick ohne roten Faden. Kompliziert wird es auch dadurch,  dass Elmiger ihre Geschichte auf drei Ebenen erzählt. Die erste Ebene umfasst einen Vermisstenfall in Panama. Zwei Hölländerinnen sind dort verschwunden, einzig ein Rucksack wurde gefunden mit einem Handy, das viele Nachtfotos zeigt, ohne dass sie den Aufenthaltsort der Frauen preisgeben. Ebenfalls auf der ersten Ebene hat es sich ein Theatermacher nach dem Vorfall zur Aufgabe gemacht, den Vermisstenfall in einem Theaterstück zu rekonstruieren. Er heuert eine Theatercrew an, die in den Jungel reist um sich auf die Spuren der Holländerinnen zu begeben. 
Die zweite Ebene umfasst die schier endlose Aneinanderreihung von Geschichten, die sich die Teinehmenden auf ihrer Mission erzählen. Diese folgen scheinbar keinem erkennbaren roten Faden, erst bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass es immer um das Thema Angst und um menschliches Versagen geht. Auch die überbordende Natur, gegen die der Mensch nicht ankommt, ist oft ein Thema. 
Auf der dritten Ebene erzählt die Protagonistin, die von den Theatermacher eingeladen wurde, vor einem Auditorium von Studenten von ihrer Reise in den Jungel. Sie stützt sich dabei auf lose Zettel, beiläufig notierte und selbst schlecht lesbare Notizen, die sie als auserkorene Chronisten der Fallrekonstruktion aufgeschrieben hat. Sie erzählt die gesamte Geschichte in der indirekten Rede und hält dies konsequent durch. Die ist anstrengend für den Leser und auch sehr ungewohnt. 
Die Geschichten der Schauspieler reihen sich aneinander und man kann als Leser schnell den Überblick verlieren. Zudem ist diese Erzählweise ermüdend und man schaltet zwischendurch leicht ungewollt ab. Vielleicht liegt es daran, dass der Roman in der indirekten Rede geschrieben ist, was den Zugang sperrig macht, oder daran, dass ein roter Faden scheinbar fehlt. 
In der Rückschau jedoch muss man die raffinierte Konstruktion des Romans auf den verschiedenen Ebenen, die sprachliche Dichte und Poesie aber durchaus anerkennen. 


 

Michael Köhlmeier: Die Verdorbenen. Hanser 2025

 

"Verdorben und zugleich unschuldig"

Michael Köhlmeier erzählt in seinem neuen Roman von Johann, der Anfang der 70er Jahre nach Marburg kommt, um dort Politologie zu studieren. Er erscheint ambitioniert, ist stolz darauf, mit dem Schreiben von Arrikeln und mit der Arbeit als Tutor für Erstsemester, sein eigenes Geld zu verdienen. In seiner Funktion als Tutor trifft er auf das Pärchen Christiane und Tommi. Christiane entpuppt sich als die treibende Kraft, die Johan in eine Dreiecksbezihung zieht. Es entspinnt sich eine fatale Verstrickung aus Liebe, Hass, Langeweile und Leere. 
Johann scheint seine großen Pläne aufzugeben, arbeitet nicht mehr und verfällt zunehmend dieser Beziehung, die eigentlich keiner der Betroffenen wirklich will. Er ist besessen von Christiane und gleichzeitig abgestoßen, unternimmt immer wieder Versuche, vor ihr wegzulaufen. Er kauft sich aufs Blaue Zugtickets und fährt weg, nur um dann doch zurückzukommen. Bei seinem letzten Fluchtversuch kehrt er in sein Elternhaus zurück, bestiehlt seine Eltern und zieht von dort aus weiter. Die Lage spitzt sich zu, bis Johann schließlich zum Mörder wird. Damit scheint er einen von Kindheit an gehegte Wunsch in die Tat umzusetzen, nämlich den, irgendwann einen Menschen zu töten. 
Köhlmeier erzählt diese abgrundtief böse Handlung von Obsession und Hass in einem leicht zu lesenden Stil. Seine Sprache bleibt nüchtern bis sachlich, was so gar nicht zum Inhalt des Erzählten passen will. Daher bleiben dem Leser die Protagonisten auch fremd und wenig nachvollziehbar. Noch weniger nachvollziehbarer erscheint, dass Johann mit seiner Tat davonkommt, von seinem Anwalt mit "verdorben und zugleich unschuldig" freigesprochen. 
Was als kleine böse Geschichte daherkommt, beinhaltet tiefgründige philosophische Fragetsellungen. Kann man verdorben unschuldig sein? Verdorben von Geburt an beziehungsweise unschuldig verdorben? 
Das Ende des Romans lässt erahnen, dass keine der Figuren etwas dazugelernt hat oder seine Taten bereut. 
Besonder gut beschrieben hat Köhlmeier das Studentenleben der 70er Jahre in der Universitätsstadt Marbug. Da ich selbst in Marbug studiert habe, habe ich mich über viel Lokalkolorit freuen können. 



Robert Seethaler: Ein ganzes Leben.
Goldmann Verlag 2016

Die Geschichte eines einfachen Lebens

 

Dieses kurze großartige Buch erzählt die Lebensgeschichte von Andreas Egger, einem einfachen Mann, der in einem kleinen Dorf inmitten von Bergen lebt. Egger hatte es nicht leicht im Leben. Nie. Als Kimd so misshandelt, dass er für immer hinkt, kämpft er sich im Erwachsenenalter durch alle Widrigkeiten und Entbehrungen. Er findet dennoch seine einzige große Liebe - nur um sie bald darauf wieder zu verlieren. Egger bleibt fortan allein, ein einsamer, aber genügsamer und meist zufriedener Mann. Auf wenigen Seiten präsentiert Seethaler, wie der Wandel und der Fortschritt in das kleine Dorf einziehen und wie Egger sich immer wieder neu anpasst und neue Rollen für sich erfindet. In seiner Jugend arbeitet er bei den Bauern und hilft in der Landwirtschaft. Als Strom und Elektrizität Einzug in das Tal halten, verdient er sein Geld mit dem Bau von Sesselliften. Mit Fortschreiten des zweiten Weltkrieges zieht er selbst in den Krieg und verbringt viele Jahre in russischer Gefangenschaft. Zurück im Dorf, das mittlerweile zum Touristenort geworden ist, verdingt er sich als Wanderführer.

Seethaler setzt gekonnt eine nüchterne und sachliche Sprache ein, die zu dem einfachen Leben, das Egger führt, passt. Dies führt aber auch dazu, dass der Leser immer eher auf Distanz zum Geschehen bleibt. Dies wird nur zweimal unterbrochen, nämlich als Egger seine große Liebe findet und an seinem Lebensende. 
Es ist ein leiser Roman, der von Mut, Überlebenswillen und von der Dankbarkeit für die kleinen Dinge erzählt.

 

 

 

Han Kang: Unmöglicher Abschied. Aufbau Verlag 2024

 

 

Ergreifend und tief beunruhigend

Han Kang erzählt in “Unmöglicher Abschied” die Geschichte eines kollektiven Traumas. Während die äußere Handlung in der koreanischen Gegenwart spielt, reichen die Erinnerungen und Wunden der Protagonisten weit in die Vergangenheit. 

Der Beginn des Romans befasst sich mit Gyeongha, die als lebensmüde Frau beschrieben wird, die täglich ein neues Testament verfasst. Beruflich widmet sich Gyeongha Kriegsverbrechen, die sie in ihren Büchern rekapituliert. Es ist zu vermuten, dass ihre Gefühlslage eng mit den Recherchen für diese Arbeit zusammenhängt. Eines Tages wird ihr tristes Dasein durch einen Anruf unterbrochen. Eine Freundin, mit der sie ein gemeinsames Projekt zu den örtlichen Massengräbern plant, ruft sie nach einem Unfall aus dem Krankenhaus an. Sie tritt mit der Bitte an Gyeongha heran, ihren kleinen weißen Vogel zu versorgen, während sie im Krankenhaus liegt, da er sonst sterbe. Geongha macht sich daraufhin auf den weiten Weg zu der Insel, auf der Inseon lebt. Dabei gerät sie in einen Schneesturm und kämpft sich mühsam und mit letzter Kraft zum Haus der Freundin durch. Im Haus findet sie einen leeren Käfig vor. Von da an wird die Erzählung zunehmend brüchiger und fragmentarischer. Gedanken und Bilder, die scheinbar nichts mit der Realität zu tun haben kommen auf, zum Beispiel befindet sich Inseon plötzlich bei ihr im Haus. Gyeongha finder in Inseons Zuhause die Geschichte eines kollektiven Traumas. Inseons Mutter hat in den Jahren 1948/49 die Niederschlagung von Aufständen miterlebt und konnte nur knapp entkommen. Dieses Trauma hat sie auch an Inseon weitergegeben, die sich beruflich ebenfalls mit Gewalt und Tod beschäftigt. 

Der Aufbau des Romans scheint der Art und Weise, wie traumatisierte Menschen sich erinnern, nämlich fragmentarisch und in blitzartigen Bildern zu entsprechen. Dementsprechend ist es nicht immer leicht, der Handlung zu folgen. 

Ferner ist der Roman voller Symbolik. Die Farbe ‘Weiß’  ist hierfür ein Beispiel. Der weiße Schnee begräbt die Erinnerungen an das Grauen, der weiße Vogel ist zerbrechlich wie eine Schneeflocke und steht für Lebendigkeit und Gegenwart. Als Gyeongha im Haus ankommt, ist sie dem Schnee entkommen und der Vogel scheint tot zu sein. Damit kann sie auch nicht mehr vergessen, sondern muss sich dem Trauma stellen. 

Voller Aussagekraft ist auch das Ende, das offen lässt, was mit dem Vogel passiert ist. 

Han Kang hat keinen leicht verdaulichen  Roman geschrieben. Der Leser selbst erlebt die traumatischen Auswirkungen der Gräueltaten unmittelbar mit. Es ist ein Roman, der noch lange nachklingen wird. 

 

 

 

 

Markus Veith: Die erste Bahn: OCM 2021

 

Spannend wie ein Krimi

In einer verregneten verheißungsvollen Nacht rettet sich Kai Trollman vor dem Regen in eine U-Bahnstation. Er verpasst in letzter Sekunde die letzte Bahn des Tages. Die nächste würde erst am nächsten Morgen fahren. Trollmann verflucht sich, weil er sein letztes Geld für eine Flasche Alkohol ausgegeben hat, anstatt sich ein Taxi nach Hause zu nehmen. Er stellt sich auf eine lange Nacht in. der U-Bahnstation ein. Kurze Zeit später gesellt sich eine ältere Frau zu ihm und die beiden beäugen sich misstrauisch, bis sie ins Gespräch kommen und sie sich vorstellt: „ Ich bin deine Tochter. Ich komme aus der Zukunft und ich werde dich erschießen.“ Helen spiegelt Trollmann in dieser Nacht wider, was für ein Vater er war, welche Fehler er begangen hat und warum sie ihn erschießen muss. Alles scheint auf ein fatales Ende zuzulaufen. Gleichzeitig wird Trollmann eine mögliche Zukunft aufgezeigt und eine Gegenwart, in der alles passieren kann.
Fast schon philosophisch nähert sich der Autor den Themen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Menschen an. Wie hängen die Zeiten zusammen und beeinflussen sich gegenseitig? Und welches Ende wird für Kai Trollmann bestimmt sein?
Der Roman liest sich spannend wie ein Krimi und lässt einen mit seinen philosophischen Implikationen lange nicht los.

 

 

Lara Grosse: If we were Gods. LEAF Verlag 2025

 

 


Ohne Tiefgang

Der Roman "If we were Gods" ist dem Dark-Acadamy Genre zuzuordnen. Er beginnt damit, dass eine junge Studentin aus Prag an die Eliteschule für arkane Künste kommt. Von da an wird eine ganz neue Welt mit ihren ganz eigenen Mechanismen entworfen. Das Wording ist zunächst fremd und unverständlich, passt aber zu dem entworfenen Universum. Der Leser wird zunächst mit viel Theorie über die arkanen Wissenschaften konfrontiert. 
Alles in allem ist es eine große Leistung, eine so ausgeklügelte Welt mit eigenen Gesetzen zu entwerfen. Die Handlung jedoch ist seicht und vorhersehbar. Von Beginn an wird durch wenig subtile Hinweise klargestellt, dass wir hier eine Enemy-to-Lovers Geschichte vor uns haben. Auch das Vorhaben der Gruppe von Studenten, die sich gleich zusammenfinden, bleibt kein Geheimnis. Der Roman ist zu vorhersehbar.
Für eingefleischte Dark-Academy Liebhaber vielleicht ein Muss, für alle anderen zähe Kost mit wenig Tierfgang. 

 

 

L. D. Smithson: Die Festung. Hoffmann und Campe 2025

 

 


Wenn aus Reality-Show bitterer Ernst wird

Eigentlich hatte sich ihre Schwester dem aufwändigen Bewerbungsverfahren unterzogen, um an einer angesagten Reality-Show, einem Escape-Room-Spiel, teilzunehmen. Als sie sich aber bei einem Unfall das Bein bricht, springt Bonnie für sie ein, da die Schwestern das ausgeschriebene Preisgeld gut gebrauchen können, um das Haus der Mutter nicht zu verlieren. Widerwillig beginnt Bonnie, sich für ihre Schwester auszugeben und an der Show teilzunehmen. Die insgesamt acht ausgewählten Kandidaten werden auf einem Schiff zu einer abgelegen Insel gebracht. Diese besteht nur aus einer Festung, auf der sie dann ausgesetzt werden. Zunächst beginnt alles noch mit harmlosen Streichen, Schauermomemten und dem Kennenlernen der Kandidaten. Doch schon bald bemerkt Bonnie, dass es auf der Festung nicht mit rechten Dingen zugeht. Sie vermutet, dass sie nicht allein auf der Insel sind und spätestens, nachdem der erste Kandidat stirbt, wird für alle deutlich, dass es sich hier um kein Spiel, sondern um bitteren Ernst handelt. 
Smithson gelingt es, die Spannung kontinuierlich aufzubauen, bis sie in einem klaustrophobischen Gang im Keller der Festung ihren Höhepunkt findet. Die Kandidaten sitzen fest, es wird stetig heißer und sie haben nur eine kleine Menge an Wasser und Verpflegung zur Verfügung. Dabei müssen sie Rätsel lösen, um am Ende von der Festung herunterzukommen. Die Beschreibung lässt den Leser mitfiebern. Die psychologischen Implikationen, die eine solche Extremsituation mit sich bringt, wird an dem Verhalten der Teilnehmer deutlich gemacht. 
Neben diesem Hauptplot scheint es noch ein weiteres Thema zu geben, nämlich der im ersten Kapitel erwähnte Mordfall, der zunächst nicht weiter verfolgt wird. So fragt man sich während des Lesens, wie diese thematischen Stränge im Zusammenhang stehen. 
Das Ende wartet mit vielen Überraschungen und unerwarteten Wendungen auf. 
Smithson scheint in diesem Thriller auf Elemente verschiedener TV-Formate zurückzugreifen, wie zum Beispiel Fort Boyard, Escape-Room-Spiele und Big Brother. Daraus strickt sie eine neue spannende Geschichte. Allerdings scheinen einige Handlungselemente stark an den 2019 erschienen Film "Escape-Room" zu erinnern. So zum Beispiel ein außergewöhnliches Auswahlverfahren, Prüfungen, die die Teilnehmer bestehen müssen (heiße Luft etc.) und schließlich die Tatsache, dass es um Leben und Tod geht. 
Alles in allem ist es eine spannende, süchtigmachende Geschichte, die man nur schwer aus der Hand legen kann. 


 

 

Gregory Maguire: Wicked. Die Heyen von Oz. Hobbit Presse Klett-Cotta 2025

 

Langweilig und zäh

Als großer Fan von "Wicked" das Musical, habe ich mich sehr auf dieses Buch gefreut. Und dann die Enttäuschung. Der Roman ist holprig zu lesen, zäh und zu politisch. Es ist mir nicht gelungen, einen Zugang zum Text zu finden, deshalb habe ich die Lektüre auch vorzeitig abgebrochen. 
Wenn man den Zauber des "Zauberers von Oz" wiedererleben möchte, dann sollte man sich eher das Musical anschauen. 

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